Dienstag, 12. September 2017

Leseprobe von meinem Buch


Ja, ich weiß, Ende August ist vorbei und mein Buch ist immer noch nicht raus geschweige denn fertig. Es lebe die Prokrastination! Dabei fehlt nur noch das letzte Kapitel und das Nachwort. Dann geht es noch an die Covergestaltung und den Klappentext.

Dafür gibt es jetzt schonmal eine Leseprobe.

Geh mir weg mit deiner Lösung - Vom Umgang mit depressiven Menschen (Arbeitstitel)

Kapitel 1: Und plötzlich geht nichts mehr

Depression ist, die Welt wie durch einen Schleier wahrzunehmen. Alles verliert seine Bedeutung. Ich fühle mich seltsam unbeteiligt. Dinge, die mir früher Spaß gemacht haben, stoßen auf gleichgültiges Desinteresse. Der therapeutische Rat, mir etwas Gutes zu tun, klingt wie Hohn. Ich weiß nicht mehr, wie das geht. Und es greift auch nicht mehr, hat seine positive Wirkung verloren. Mein ganzes Ich ist mit Blei gefüllt. Ich bin innerlich gelähmt. Die Gefühle haben sich in die hinterste Ecke meiner Seele zurückgezogen. Ich bin nicht traurig. Ich weine auch nicht. Ich fühle einfach gar nichts. Depression ist ein Nicht-Gefühl.

„Wie fühlst du dich?“ fragt meine Therapeutin. „Kann ich den Telefonjoker nutzen?“ frage ich zurück. Wenn ich wütend oder traurig werde, weiß ich, dass es besser wird. Es geht mir zwar nicht gut, aber ich fühle mich wieder. Bis es um Lebensfreude geht. „Heute betrachten wir die vier Grundgefühle. Zu jedem nehmen Sie bitte eine Ihnen entsprechende Körperhaltung ein. Spüren Sie in die Gefühle hinein.“ Klinikalltag. Angst – ich ziehe die Schultern hoch, stelle das Atmen ein und verkrampfe mich. Wut – ich balle die Fäuste, presse die Kiefer zusammen und renne durch den Raum. Trauer – ich lasse Schultern und Kopf hängen und schleiche umher. Freude – nichts. Alles um mich herum fängt an zu hüpfen und zu lachen. Und ich zucke hilflos mit den Schultern. Da war doch was... Ach Mist, ich bin wohl doch depressiv! Die darauffolgenden Tage füllen sich wieder mit innerer Leere.

Der Beginn einer depressiven Episode fühlt sich an wie Fallen. Ins Nichts. Das emotionale Chaos im Innern verdichtet sich und implodiert. Zurück bleibt ein schwarzes Loch, das alles in sich aufsaugt. Ich bin nur noch müde, kann aber weder schlafen noch entspannen. Alles wird unglaublich anstrengend. Staubsaugen wird zu Sahara kehren. Entscheidungen ziehen sich zähflüssig hin. Die Aufgaben des Alltags wirken wie eine drohende Lawine. Ich komme mir vor wie ein Bergsteiger im Himalaya. Ohne Ausrüstung und Sauerstoffgerät. An schlimmen Tagen sitze ich in eine Decke gehüllt auf dem Sofa und starre den Couchtisch an. Den ich gar nicht sehe. Und ich atme. Wenn auch flach und unregelmäßig. Aber atmen geht noch.

In depressiven Phasen kann ich mich selbst nicht leiden. Das geht manchmal bis zum Selbsthass, was allerdings ein sehr starkes Gefühl ist. Denn abgesehen davon fühle ich ja nichts. Ich hasse mich, weil nichts mehr geht. Weil ich zu erschöpft bin zum Duschen. Wenn ich daran denke, was ich früher alles konnte und unternommen oder geschafft habe, erkenne ich mich selbst nicht zurück. Ich bin am Leben gescheitert und halte mich deswegen für schwach. Während die anderen Ziele verfolgen, Karriere machen, große Reisen planen und ihr Leben in vollen Zügen genießen, sitze ich zu Hause und suche vergebens meinen Antrieb. Wie bin ich da nur rein geraten? Warum passiert das ausgerechnet mir? Warum ist für mich alles so viel schwerer? Ich hasse mich, weil ich es nicht schaffe, glücklich zu sein. Weil ich nichts aus meinem Leben mache. Weil ich mir nicht einfach nehme, was ich will, so wie die anderen, die sich völlig selbstverständlich am Büffet des Lebens bedienen. Das sind erfolgreiche Menschen. Die riskieren etwas und arbeiten hart für ihre Ziele. Ich liege im Bett. Ich hatte auch mal Ziele. Glaube ich. Und Träume. Aber ich erinnere mich nicht. Ich bin innerlich tot. Und die körperliche Hülle wird langsam lästig. Wenn ich dann noch feststelle, dass es für jemanden wie mich keinen Platz in der lauten und schnelllebigen Welt voller erfolgreicher Menschen gibt, die alle ihre Pflicht erfüllen, steigt Verzweiflung in mir auf. Ich werde das nie schaffen! Aber ohne Arbeit habe ich kein Geld. Deshalb bin ich gezwungen, wieder aufzustehen und mitzumachen. Sie werden mich nie in Ruhe lassen, die Vertrauensärzte der Krankenkassen oder die Sachbearbeiter des Arbeitsamtes. Angst, Selbsthass und Verzweiflung werden immer größer. Der Tod scheint der einzige Ausweg zu sein. Doch dann will meine Katze Futter. Jemand braucht mich noch.
 
Angehörige, Freunde und Bekannte reagieren irritiert. Dass ausgerechnet ich an Depressionen leiden soll, kann keiner glauben. Ich war doch immer so lustig und engagiert im Job! Das ist sicher nur ein „kleines Burnout“. Ein bisschen ausruhen, ein bisschen aufraffen, dann geht es schon wieder. Ist doch alles nicht so schlimm.

Doch, ist es. Die Farben sind verblasst, der Kühlschrank steht unendlich weit weg, die Welt macht ohne mich weiter. Ich fühle mich fremd in mir und verstehe mich selbst nicht mehr. Wie soll ich es da einem anderen erklären? Ich bin im Hamsterrad zwischen die Speichen geraten und hinausgeschleudert worden. Einerseits bin ich ganz froh darüber. Denn glücklich war ich damit nicht. Und jetzt hänge ich planlos in den Seilen.

Alles erscheint ohne Sinn. Wozu aufstehen? Mein Leben ist nicht mehr lebenswert. Obwohl es darin auch schöne Dinge gibt. Ich habe einen lieben, verständnisvollen Mann, eine anhängliche Katze und ein nicht ganz so einfaches Pferd. Ich habe viele Interessen und Hobbys. Aber leider keine Kraft mehr dafür. Ich bin müde. Des Lebens und seiner Kämpfe müde. Die Windmühlen haben gewonnen.

Montag, 11. September 2017

Ist meine Angst real oder nicht?


In der Therapie wurde ich immer wieder gefragt, ob ich meine jeweilige Angst als real oder unreal einstufen würde. Mir war dann gleich klar, worauf der Therapeut hinaus wollte. Wenn er mich das schon fragt, ist meine Angst wohl unreal, was so viel bedeutet wie unbegründet. Mein inneres Kind macht aus solchen Aussagen ganz schnell: Stell dich nicht so an! Du bildest dir das ein! - Wenn ich mir dann noch anhören muss, dass meine Reaktion nicht angemessen sei, ist alles aus. Denn das heißt nichts anderes, als dass meine Gefühle und Wahrnehmungen falsch sind.

Was Therapeuten mit dieser Real-Unreal-Theorie erreichen wollen, ist, dass der Patient erkennen soll, dass ihm in der aktuellen Situation keine echte Gefahr droht, und dass er somit seine Angst loslassen und selbstwirksam handeln kann. Das ist im Kern eine gute Idee. Aber wie ich schon im Artikel Würdigung des verletzten inneren Kindes erklärte, schießt der Therapeut mit dieser Nummer weit am Ziel vorbei. Das innere Kind wird nicht gesehen und gehört (nicht ernst genommen) und zurück in seine dunkle Ecke geschickt, wo es einsam an sich selbst verzweifelt und langsam abstumpft, bis es nicht mehr spricht. Das ist lediglich ein Beiseiteschieben von Ängsten aber sicher kein Lösen. Und dann noch der Knallerspruch: "Sie müssen loslassen lernen!" Ich kriege also meine Angst postwendend in den Arm gedrückt mit dem Urteil, dass sie nicht richtig ist, und soll sie dann "einfach" loslassen, damit es mir besser geht. Aber irgendwo kommt diese Angst doch her!

Wie erleichtert war ich, als meine derzeitige Therapeutin diese Theorie mit vehementem Kopfschütteln abwiegelte. Als geübte Patientin hatte ich schon damit begonnen, mir selbst diese Antwort auf meine geschilderte Situation zu geben: "Ich weiß ja, dass diese Angst nicht real ist..." - "Davon halte ich nichts!" - "Ah... Ok, ... ich eigentlich auch nicht..."

Ängste, die für Außenstehende nicht zur aktuellen Situation passen, stammen aus der Kindheit, in der sie sehr wohl ihre Berechtigung hatten. Die neue Situation im Erwachsenenalter ähnelt dieser alten Situation und triggert so die damals damit verbundenen Gefühle - in diesem Fall Angst. Es ist gut zu erkennen, dass man heute dazu in der Lage ist (bzw. sein könnte), sich zu verteidigen und zu schützen, doch muss die Angst zuerst ernst genommen werden. Gefühle sind immer real, denn man fühlt sie ja. Gefühle können niemals falsch sein, egal wie schwer das Umfeld diese nachvollziehen kann. Wurde die Angst anerkannt und mit der ursächlichen Situation verbunden, geht es darum, die Selbstwirksamkeit zu aktivieren und zu stärken. Denn wenn die Angst immer noch da ist, habe ich wohl noch keine Lösung für mein Problem gefunden, d.h. ich weiß nicht, was ich tun kann, um den Konflikt zu lösen. Oder mein Erwachsenenverstand weiß es, aber mein inneres Kind blockiert mit seiner Angst ein mögliches lösungsorientiertes Verhalten. Weil die positive Erfahrung dazu fehlt. Die Angst vor Zerstörung ist so groß, dass der Erwachsene nicht handeln kann. Das klingt dramatisch, aber ich glaube, dass es am Ende immer um Zerstörung seiner selbst geht.

Hier mal ein konkretes Beispiel: Jemand überschreitet massiv meine Grenzen, mischt sich in meine Angelegenheiten ein und verurteilt mein Handeln, ohne mit mir darüber gesprochen zu haben (und weil er einfach der Meinung ist, Recht zu haben). Ich werde unter Druck gesetzt, etwas zu tun, was ich nicht tun will, weil ich einen anderen Plan habe, den ich für besser halte. Eine solche Situation triggert eine ganze Reihe von Momenten aus meiner Kindheit. Als Kind habe ich gelernt, dass ich falsch bin mit allem was ich denke, fühle und bin, dass ich unfähig, zu schwach und nicht alleine lebensfähig bin, dass meine Entscheidungen dumm sind... Vor allem habe ich gelernt, dass ich auf die anklagende Person hören muss, weil ich sonst durch Liebesentzug und erhöhtem Druck zerstört werde. Alle meine Versuche, trotzdem ich zu sein und meine Entscheidung durchzusetzen, enden mit Ablehnung, Verachtung und Verbannung. Ein Kind kann damit nicht leben. Ein Erwachsener findet das auch nicht toll, aber er ist eher dazu in der Lage, sich innerlich zu stabilisieren und sich nicht daran aufzuhalten, was andere von ihm denken. Er kann sich andere Menschen suchen, die ihn anerkennen. Ein Kind kann sich seine Familie nicht aussuchen.
Die Lösung für mich als Erwachsene lautet Grenzen setzen. Das habe ich aber nicht gelernt. Oder anders formuliert: Ich habe gelernt, dass Grenzen setzen nicht erlaubt ist und bestraft wird. Infolgedessen erstarre ich innerlich in Angst und fühle mich bedroht. Diese Angst als unreal zu bezeichnen, ist das Letzte, was ich jetzt brauchen kann. Denn tatsächlich kann es passieren, dass ich noch mehr beschimpft und unter Druck gesetzt werde, wenn ich nicht nachgebe und stattdessen Grenzen setze. Ich habe jedoch nun die Gelegenheit, neue Erfahrungen zu machen. Hoffentlich. Grenzen setzen ist immer noch meine Königsdisziplin. Mit Hilfe meiner Therapeutin hecke ich also einen Schlachtplan aus, stelle fest, dass meine Ansprüche an mich bezüglich Korrektheit und Stärke viel zu hoch sind, und wage ein selbstwirksames, eigenverantwortliches Handeln. Es fühlt sich fremd und merkwürdig an. Und ständig begleitet mich die Frage: Darf ich das? Tue ich der Person nicht vielleicht unrecht?
Dann der wunderbare Lerneffekt: Die Person schweigt. Sie ist nicht mit mir einverstanden, sie wirkt äußerst verärgert und ignoriert mich. UND ES IST MIR EGAL. Meine Angst, dass andere Menschen sich ihr anschließen und ich vor einem Tribunal stehe, bestätigt sich nicht. Mein Magen ist immer noch verkrampft, es fühlt sich immer noch alles surreal an aber irgendwie auch gut. Meine Angst ist damit nicht endgültig verschwunden. Aber ich kann auf diese positive Erfahrung aufbauen und jederzeit zurückgreifen. "Und beim nächsten Mal gehts dann schief..." moniert mein inneres Kind. Dann holen wir uns halt wieder therapeutische Unterstützung.

Einem Patienten mit ungelösten Ängsten (Traumata) aus der Kindheit zu sagen, seine Ängste seien nicht real und er solle sie loslassen und die Verantwortung für sein Leben übernehmen, bedeutet, einen Jungen auszuschicken, die Arbeit eines Mannes zu erledigen. Es ist schlichtergreifend eine gnadenlose Überforderung, die zur Retraumatisierung führen kann.

Samstag, 22. Juli 2017

Ein paar Worte zu Suizid



Vielleicht werden es auch ein paar mehr. Wie ich im letzten Artikel schrieb, hänge ich derzeit im Kapitel "Suizidgedanken" für mein Buch fest. Seit ungefähr 3 Wochen kann ich nicht weiterschreiben, weil mich dieses Thema unheimlich berührt. Es löst eine tiefe Ohnmacht in mir aus. Selbst als Betroffene kann ich Angehörigen keinen vernünftigen Rat dazu geben. Ich weiß nicht, was hilft. Als ich nun vom Tod von Linkin Parks Sänger Chester Bennington erfuhr, kam das Triggerkarussell so richtig in Fahrt. Ich verstehe auch nicht warum. Ich kannte den Mann nicht persönlich und bin nicht einmal ein Fan. Die Nachricht von Chris Cornells Tod (Ehemaliger Sänger der Band Soundgarden) hat mich nicht so sehr getroffen, wenngleich doch berührt. Als ich hörte, dass die beiden beste Freunde waren, wurde ich erst recht traurig. Ich trauere nicht um Menschen, die ich nicht kannte. Das zu behaupten, wäre Blödsinn. Aber es trifft mich, wenn ein Mensch - egal ob Star oder Herr Müller von nebenan - keinen anderen Ausweg mehr sieht. Weil ich weiß, wie es ist, sterben zu wollen. Weil auch ich mich immer wieder aufs Neue für das Leben entscheiden muss darf will.

In den sozialen Medien ging die Post ab. Abgesehen von der Trauer seiner Fans, wurden Stimmen zum Thema Depressionen und Suizid laut. "Bitte sucht euch Hilfe! Redet!" Davon fühlten sich Betroffene angegriffen: "Nicht so einfach. Wer keine Ahnung hat, soll den Mund halten." Oder: "Jetzt reden alle von Depressionen und zeigen Verständnis, und in ein paar Tagen heißt es wieder: Stellt euch nicht so an!" Es wurden Telefonseelsorgenummern geteilt. Hier und da las ich die Bitte, Betroffene mögen einfach schreiben oder sagen, was sie brauchen. Man wolle doch nur helfen. Einige zeigten deutliches Unverständnis für Menschen, die den Freitod wählen, nannten es egoistisch, woraufhin sich Betroffene verteidigten. Dazwischen hüpften ein paar Trolle, die Beleidigungen um sich warfen und es nach ungehaltenen Reaktionen Satire nannten und zu mehr Humor aufriefen. Kurzum - die Emotionen kochten hoch. Es wurde getrauert, diskutiert, gestritten, gemeldet und geblockt.

Seit gestern kommen mir immer mal wieder die Tränen. Für jemanden, der nicht gut weinen kann, will das was heißen. Ich laufe gerade über vor lauter Emotionschaos. In meinem Bekanntenkreis sind schon einige auf diese Weise gegangen. Bisher war es nie ein näherer Freund aber Freunde oder Verwandte von Freunden. Mir macht das Angst. Vor ein paar Jahren dachte ich bei einer solchen Nachricht: Glückwunsch! Der hat es geschafft. Und ich bin immer noch hier. - So denke ich heute nicht mehr, worüber ich sehr froh bin. Aber ich weiß auch, dass sich das wieder ändern kann. Und ich habe Angst, dass ich eines Tages von einem Freund hören muss, dass er sich das Leben genommen hat.

Die Aufforderung zu reden, ist gut. Ich bin absolut dafür. Aber mit wem? Wer hält das aus? Wie sagt man sowas? Mir fehlen in solchen Phasen die Worte. Ich kann es nicht in Worte fassen, was emotional in mir vorgeht. Die Angst, auf jemanden zu stoßen, der kein Verständnis dafür hat und mich bekloppt, undankbar oder zu schwach schimpft, hält mich zusätzlich davon ab. Gerade die Menschen, die zum Reden ermuntern, sind oft völlig überfordert mit dem, was dann kommt. Aus Hilflosigkeit schleudern sie dann einen Kalenderspruch heraus. "Wenn du denkst, es geht nicht mehr..." Nichts macht einsamer als ein Mensch, der einen nicht versteht. Ich mache aber niemandem einen Vorwurf daraus. Das ist auch verdammt nochmal nicht einfach. Der Wunsch zu helfen, entspricht leider oft nicht der Kompetenz dazu. Das betrifft übrigens auch so manchen Therapeuten.

"Holt euch Hilfe!" ist in der Tat leicht gesagt. Ich will jetzt hier gar nicht von mangelnden Therapieplätzen, langen Wartelisten und erschlagender Bürokratie anfangen. Das würde den Rahmen sprengen. Auch nicht von möglicher Retraumatisierung in der Therapie, weil einige Therapeuten besser Automechaniker geworden wären. Fakt ist, dass viele Betroffene sich Hilfe holen wollen, aber keine oder nur unzureichende bekommen. Für bürokratische Hürden fehlt die Kraft. Einem Depressiven dann zu sagen, er würde nicht wollen, ist falsch. Und steigert das Suizidrisiko. Ich wünsche jedem Betroffenen auf diesem steinigen Weg einen Begleiter, der ihn bei diesem Kampf tatkräftig unterstützt. DAS wäre Hilfe.

Suizid ist nicht egoistisch. Wenn einmal der Tunnelblick eingesetzt hat, glaubt man, sein Umfeld von einer Last zu befreien. Natürlich empfinden die Angehörigen das nicht so. Suizid hinterlässt großen Schmerz, Wut, Fragezeichen, Verzweiflung und Schuldgefühle. Und der Betroffene hatte keine Kraft mehr. Da hilft auch keine Liebe. So traurig das klingt. Niemand ist schuld. Es mag Menschen geben, die zum Teil Verantwortung tragen, weil sie - warum auch immer - mit ihren Worten und ihrem Verhalten die Hoffnungslosigkeit geschürt und den inneren Druck erhöht haben. Aber Freunde und Angehörige, die sich um den Betroffenen gekümmert haben und für ihn da waren, trifft keine Schuld. Sie haben alles versucht. Und es war gut. Es ist sehr schwer zu akzeptieren, dass er trotzdem gegangen ist. Und genau das ist es, was mich so traurig macht.

Es macht mich unendlich traurig, wenn ein Mensch so lange gekämpft hat, eine Zeit lang sogar glücklich war, therapeutisch an sich gearbeitet hat, für andere viel bedeutet hat, anderen Betroffenen helfen konnte und so viel zu geben hatte und am Ende doch unter der Last seiner seelischen Wunden zusammenbricht. Chester Bennington wurde als Kind sexuell missbraucht. DAS hat ihn umgebracht. Wenn einer schuldig ist, dann die Täter aus seiner Kindheit. Manchmal ist das, was Menschen erleben und erleiden mussten, so unendlich furchtbar, dass sie nicht mehr damit leben können. Therapie hin, liebevolle Familie her. Es zerreißt mir das Herz, wenn ein Mensch psychisch so schwer verletzt ist, dass ihn nichts Heilendes mehr erreicht.

Ich habe keine Ahnung, ob ich auch nur anstatzweise das ausdrücken konnte, was in mir vorgeht. Wahrscheinlich fallen mir später noch tausend andere Dinge ein. Es ist mir bestimmt nicht gelungen, das Thema Suizid ausreichend von allen Seiten zu beleuchten. Das war auch gar nicht so sehr die Absicht. Ich musste mir das nur einfach mal von der Seele schreiben. Und dennoch bleibe ich sprachlos zurück.

Bildquelle: Pixabay

Freitag, 30. Juni 2017

Chronische Erschöpfung


Man nennt es auch Neurasthenie, und ich dachte nur: Hui, noch eine Diagnose! Was mein Psychodoc nicht alles aus dem Fachärmel zaubert! Die Liste wird immer länger.

Dienstag hatte ich wieder mein Rechtfertigungsgespräch bei der Vertrauensärztin der Krankenkasse. Ich weiß, dass ich großes Glück habe und mich eigentlich nicht beklagen darf. Ich muss nur alle 6 Monate dort hin, und letztes Mal hat sie mir sogar ein ganzes Jahr Zeit gegeben. Uneigentlich stressen mich diese Termine enorm. Das geht schon einige Wochen vorher los. Die innere Unruhe wächst. Mir wird bewusst, wie wahnsinnig schnell die Zeit vergeht. Und dass sich bei mir immer noch nichts geändert hat. Mein Psychiater ist der Meinung, dass eine "normale Arbeitsstelle" (im festen Angestelltenverhältnis unter einem Chef und in einem Team) für mich nicht mehr möglich sein wird. Da sind wir uns ja schon mal einig. Ich brauche viele Pausen und die Freiheit, mir meine Arbeit selbstbestimmt einzuteilen. Um mit einer Selbständigkeit durchzustarten, fehlt mir aber die Kraft. Da ist dieses mysteriöse Energieleck, das sich einfach nicht auffinden lässt. Mir dämmert, dass meine ganze Energie in die Existenzangst geht, die zwar schon deutlich kleiner geworden ist, jedoch jedes Mal aufs Neue zum Leben erwacht, wenn es auf den Vertrauensarzttermin zugeht. Zu der Existenzangst gesellt sich die immerwährende Frage: Wo ist mein Platz in der Welt? Was ist mein Weg? Nicht-mehr-arbeiten-können-wie-früher hin, Energieleck her - natürlich möchte auch ich etwas machen, etwas zu dieser Welt beitragen. Mit chronischer Erschöpfung wird das wohl lustig.

Da ich schon Tage zuvor am Rad drehte und die Depression wieder vehement an die Hintertür klopfte, begleitete mein Mann mich zu dem Termin, was er übrigens schon vor einem Jahr getan hatte. Und das war eine gute Idee! Durch seine Schilderung, wie er mich im Alltag erlebt, konnte sich die Vertrauensärztin ein besseres Bild von mir machen. Ich wirke ja immer so stabil außerhalb des Hauses. Dieses Mal hatte ich den Eindruck, dass sie mich für alle Zeiten auf Krankengeld setzen will.

Freue ich mich jetzt darüber? War das nicht das, was ich wollte? Seit Dienstag plagt mich eine Magenschleimhautentzündung. Mir tut der ganze Körper weh, und ich bin einfach nur platt. Als wäre ich von einem Schlachtfeld nach Hause gekommen. Einerseits bin ich erleichtert, dass sie mich nicht zum Arbeitsamt geschickt hat. Andererseits will sich keine rechte Freude einstellen. Für den Rest meines Lebens krankgeschrieben. Da wäre es, mein Grundeinkommen, wenn auch nicht ganz so bedingungslos. Kein Druck mehr, zurück ins Hamsterrad zu müssen. Aber auf ewig krank. Das wird mir jetzt erst so richtig bewusst. Und es fühlt sich scheiße an! Wie versagen.

Und ich schimpfe mal wieder mit mir selber, weil ich offensichtlich nicht weiß, was ich will. Obwohl das so nicht stimmt. Ich weiß sehr wohl, dass ich am liebsten durch meine Kreativität mit selbst Geschaffenem auf eigenen Beinen stehen würde. Ich sehe nur einfach noch nicht den Weg und die Möglichkeit dazu. Und mir fehlt oft die Kraft. Sie war mal kurzzeitig zurück, aber jetzt ist sie wieder weg. Hat wohl Hummeln im Hintern. Und meine Seele kriecht weiter im Schneckentempo Richtung Heilung oder sowas in der Art.

Mein Buch schreibe ich allerdings weiter. Nur noch 3-4 Kapitel, dann muss ich Opfer zum Durchlesen finden. Ende August würde ich es gerne veröffentlichen. Ich dachte, so eine Deadline könnte vielleicht hilfreich sein. Mal sehen, ob ich Ende August tatsächlich veröffentliche oder mich kaputt lache. Im Moment hänge ich im Kapitel "Suizidgedanken" fest, was mir gerade nicht so gut tut. Dieses Schreiben ist echt anstrengend, so sehr es auch Spaß macht. Aber ich bleibe dran!